Aktivitäten: | 1.4.2017 TMK-Frühlingsfest | 15.04. Bebra 1958 Osterfahrplan | 30.9.-3.10.2017 Dampftage ! |
Zum 250. Geburtstag von Georg Christian Carl Henschel am 24.04.2009

Georg Christian Carl Henschel (1759-1835)

Carl Henschel entstammt einer seit Generationen als Stückgießer und Metallhandwerker tätigen Familie mit Wurzeln in Schlesien. Er wandert als Sproß des Gießener Familienzweiges 1777 nach Kassel zu und tritt in die im Gießhaus nahe dem Wesertor gelegene Werkstatt des landgräflichen Gießers Johann Friedrich Anton Storck ein. Hier kann er fraglos von den langjährigen Erfahrungen Storcks, vor allem von dessen eingeführtem Betrieb profitieren. Das Gießhaus selbst wird durch Landgrafen Karl 1704-07 errichtet; es besteht schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert die Möglichkeit in Kassel, Kanonen, Glocken und andere Metallgußerzeugnisse neben den Hütten in Knickhagen, Vaacke und Veckerhagen herzustellen (Familie Kohler, u. a. Kanonen und bronzene Epitaphplatten für Bestattungen in der Kasseler Martinskirche des 17. Jahrhunderts).


Glocke "OSANNA" 1818 in der Werkstatt von Henschel gegossen
und von Werner Henschel künstlerisch gestaltet.
Ort:Martinskirche Kassel

Henschel scheint früh auch mit neuen Apparaten experimentiert zu haben. Das Gießhaus liefert spätestens seit den frühen 1780er Jahren Feuerspritzen in die Dörfer in Kassels Umgebung (Ehringen 1784) sowie Wasserpumpwerke für Gruben (Obermöllrich 1785). Im bedeutenden "Journal von und für Deutschland" von 1787 wird, angestoßen von einem im Jahr zuvor erschienenen Bericht über segensreiche, weil leistungsstarke Feuerspritzen in den Städten, vom Modell einer solchen Pumpe berichtet, die Storck und Henschel in Kassel entwickelt hätten. Ihr Vorteil bestehe darin, dass sie in der Lage sei, Löschwasser aus einem Teich zu pumpen, und das Wasser im Winter durch eine Wärmevorrichtung vor dem Einfrieren zu hindern. Ihr Strahl erreiche eine Höhe von 30 Fuß. Sicherlich durch derartige Erfolge und fachliches Können fühlt sich der Landgraf Friedrich II. bewogen, Storck und Henschel, mittlerweile dessen Schwiegersohn, ein Privileg für die Herstellung von Metallwaren zu verleihen, um beide im Lande zu halten. Seit 1785 haben Storck und Henschel ein Privileg für Niederhessen für die alleinige Herstellung von Glocken, Feuerspritzen und Kanonen (Kieckebusch, S. 164f); damit sind sie technisch auch in der Lage, für den Kasseler Markt zahlreiche Eisenröhren zu liefern. Nach Lotze (Veckerhagen, S. 64) ging man für die Wasserversorgung in Kassel, besonders der Oberneustadt, seit dem späten 18. Jahrhundert dazu über, statt der traditionellen Holz- und Tonröhren Eisenröhren zu verlegen, deren Anschlußstellen mit Blei abgedichtet wurden.


Original-Rechnung über eine Feuerspritze
die 1799 an die Stadt Cassel geliefert wurde.
Quelle: Familienarchiv Henschel

Hinzu kommen weitere technische Entwicklungen, die die Leistungsfähigkeit des Gießhauses steigern. Henschel, nach einer anderen Quelle Storck selbst, entwickelt in den späten Jahren des 18. Jahrhunderts ein Verfahren, mit dem der Kern des massiv gegossenen Geschützes nicht mehr wie bisher in Späne zerkleinert, sondern effizienter als ein massiver Zylinder herausgeschnitten wird (Kieckebusch, S. 163f). Diese Arbeit erfolgte sonst mit einer horizontal vorgenommenen Bohrung. Anscheinend wird nun in dem streng geheim gehaltenen Verfahren mit Pferdekraft senkrecht gebohrt und gedreht, wie es die Aufzeichnungen des Gießbuchs aus den Jahren um 1800 im Henschelarchiv bezeichnen. In den Jahren um 1800 kann Carl Henschel - nicht zuletzt durch die landgräflichen und kurfürstlichen Monopole - das Gießhaus zu einem der bedeutendsten Einrichtungen der Art in der Landgrafschaft aufbauen. Das Repertoire seiner Produktion wird aus einer Verkaufsanzeige des Jahres 1805 deutlich. Laut dieser Bekanntmachung in der ,Kasseler Zeitung' bot das Unternehmen u. a. "Saug- und Druckwerken ... nach zugeschickten Zeichnungen oder eigener Idee" sowie "große Saug- und Druckwerke für Salinen, Wasserkünste etc.", dazu "gelötet Röhren" und "Verzinntes und unverzinntes gewalztes Rollenbley ... zu guten Wasserröhren für Springbrunnen etc." an (Kieckebusch, S. 176). Carl Henschel wird 1796 durch Wilhelm IX. zum Brunnenleiter ernannt. Er ist damit zuständig für die Wasserversorgung der Stadt und der fürstlichen Gebäude, Teiche und Gärten bzw. für den Bau und die Instandhaltung von Brunnen und Wasserleitungen, dem Schutz der Leitungen vor Entnahme und deren Reinigung. Er hat auch für die Bereithaltung von hölzernen Röhren zu sorgen, d. h. in der Bohrmühle die Stämme bohren zu lassen, und neue Stämme zu wässern (Kieckebusch, S. 169-171). Dieses gilt laut seiner Dienstinstruktion auch für den Pfeifenbrunnen, der Wasser vom Habichtswald zum Weißenstein, d. h. Schloß Wilhelmshöhe leitet. Er füngiert damit als Mitarbeiter von Karl Steinhöfer, dem Aufseher und leitenden Kopf der Wasserspiele im Wilhelmshöher Bergpark. Steinhöfer ist seit 1797 Brunneninspektor und damit verantwortlich für den Betrieb und den baulichen Unterhaltung der barocken Wasserspiele. Aber er formt mit seiner Arbeit den Bergpark weiter, indem er den nach ihm benannten Wasserfall oberhalb der Löwenburg schafft und um 1795 auch das Wasser der Großen Fontäne im Bassin vor dem Schloß auf neue, ungekannte Höhen bringt. Dies mag er wesentlich den technischen Möglichkeiten des Gießhauses zu danken gehabt haben. Henschel könnte ihm die für diese Verbesserungen notwendigen eisernen Röhren direkt aus dem Gießhaus geliefert haben (schriftliche Nachweise über diesen vermutlichen Zusammenhang, etwa im Staatsarchiv Marburg, fehlen bislang noch). Beide haben auch beim Feuerschutz für Kassel zusammengearbeitet, da Steinhöfer bis 1827 Spritzenmeister war (Albrecht Hoffmann, in: Technik und Zauber, S. 18).


Scherenschnitt Georg Christian Carl Henschel um 1800
Quelle:Stadtarchiv Kassel

Carl Henschel baut schließlich 1796 das erste Bleiwalzwerk Deutschlands, das u. a. auch Bleiplatten für Dachbedeckungen liefern kann. Die Maschine steht bis zum Brand des Gießhauses 1836 dort und geht mit der alten Anlage unter. Ein großer Auftrag wird 1817 und 1818 abgewickelt, als Henschel die Bleiplatten für die Dacheindeckung der Pinakothek und der Glyptothek in München, die der bayerische Kronprinz durch seinen Architekten Leo von Klenze errichten lässt, um in den Museen seine Gemälde- und Sammlung antiker Kunst unterzubringen.



Alte Pinakothek in München.
Dank für das Photo an Haydar Koyupinar !

Mit den beiden Söhnen Carl Henschels, Carl Anton (1780-1861) und Werner (1782-1850), entwickelt sich der Betrieb zielgerichtet zu einem ausgreifenden, fabrikorganisierten Unternehmen.


3 Generationen Henschel im Gießhaus Dezember 1832;
ganz rechts Carl Anton, daneben Vater Carl und Bruder Werner
sowie 3. von links Georg Alexander Carl Henschel.
Quelle:Stadtarchiv Kassel

Carl Anton arbeitet zunächst als kurfürstlicher Beamter in der Salinenverwaltung und versucht, Pumpwerke für die Entwässerung der Gruben zu bauen. Hier kann er die im Betrieb des Vaters erworbenen Kenntnisse beim Heben von Wasser, etwa für Feuerspritzen, Fontänen und Wasserkünste nutzen. Er erkennt früh die Bedeutung der Dampfkraft für die Energieerzeugung im Fabrikwesen und schließlich die Nutzung dieser Kraft zum Antrieb von Fahrzeugen (Dampfwagenmodell 1816), die der Vater anscheinend noch unbeachtet gelassen hatte. Die Entscheidung zur Entwicklung von Lokomotiven, deren praktischen Wert Carl Anton auf einer Englandreise 1832 erfahren kann, schafft die Grundlage für den Aufbau einer lange währenden Lokbautradition und für den Aufstieg der Henschel-Fabrik zu einem bis weit ins 20. Jahrhundert erfolgreichen Anbieter von Lokbautechnologie, die etwa mit dem Einsatz des Heißdampfverfahrens, in Kassel durch Wilhelm Schmidt entwickelt und 1893 (?) patentiert, traditionell innovativ bleibt. Hinzu kommen erfolgreiche Konstruktionen Carl Antons, der Turbinen, Brennöfen, Werkzeugmaschinen und Pressen baut und verbessert.

Autoren: Dr. Jörg Westerburg & Bernd Scott